Die enge Verbindung zwischen Trauschein und Familiengründung lockert sich. Statistiken belegen, dass immer mehr Kinder zur Welt kommen, deren Eltern nicht verheiratet sind. Das derzeit gültige deutsche Sorgerecht benachteilige die Väter dieser nicht ehelich geborenen Kinder, monierte der europäische Gerichtshof in Straßburg in einem Urteil Ende 2009. Vaeter-nrw.de recherchierte Zahlen und Fakten.
Der europäische Gerichtshof beanstandete in einem Urteil Ende 2009 die Benachteiligung von Vätern nicht ehelich geborener Kinder im deutschen Sorgerecht. Damit rückten Männer (und Frauen), die unverheiratet eine Familie gründen, in den Fokus öffentlichen Interesses. Der Mikrozensus 2008, eine Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes, belegt, dass die Zahl der Kinder steigt, deren Eltern unverheiratet sind. 1996 waren es in Gesamtdeutschland 17 Prozent der Kinder (im Westen 13,3 Prozent), deren Eltern unverheiratet waren. 2007, elf Jahre später, hat sich der Wert auf ein Drittel (alte Länder: 24,6 Prozent) deutlich erhöht. Für immer weniger Menschen scheint die Ehe Voraussetzung für eine Familiengründung zu sein. Der Anteil nichtehelicher Lebensgemeinschaften lag zwar 2008 mit 8,4 Prozent noch unter der Zehn-Prozent-Marke, verdoppelte sich aber seit 1996 (4,7 Prozent) fast.
Im Regionalatlas Bundesrepublik Deutschland des Leibniz-Instituts für Länderkunde e.V. in Leipzig heißt es mit Bezug auf Zahlen von 2007: "Nach der Reform des Kindschaftsrechts im Jahr 1998, welche viele rechtliche Benachteiligungen für nichteheliche Kinder und ledige Elternteile beseitigte, ist in Westdeutschland eine steigende Nichtehelichenquote zu beobachten. Auch Ostdeutschland verzeichnete wieder einen deutlichen Anstieg. In Westdeutschland wird etwa jedes vierte Kind nichtehelich geboren (1996 etwa jedes sechste), wobei die Werte auf der Kreisebene zwischen 14,7 und 45,8 Prozent liegen. Dabei weisen Nordwestdeutschland und das östliche Niedersachsen ein etwas höheres Niveau auf. Die geringsten Werte finden sich derzeit in Württemberg und in zentralen Regionen Bayerns."
Ob das derzeitige deutsche Sorgerecht, das, wenn die Eltern keine gemeinsame Sorgerechtserklärung bei Jugendamt oder Notar abgeben, automatisch ausschließlich bei der Mutter liegt, für diese Paare problematisch ist, lässt sich aus den Zahlen nicht erkennen. Naheliegend ist, dass das Thema zum Streitpunkt werden kann, wenn sich die Eltern trennen. 2008 waren laut Mikrozensus 2.669.000 Personen in Deutschland alleinerziehend. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um 1,5 Prozent. 651.000 der alleinerziehenden Frauen (90 Prozent) und Männer (zehn Prozent) waren ledig. In Nordrhein-Westfalen gab es 2008 rund 1,9 Millionen Familien mit Kindern unter 18 Jahren. Darunter waren 112.000 nicht eheliche Lebensgemeinschaften und 328.000 alleinerziehende (aber nicht notwendigerweise ledige) Mütter oder Väter.
Die Zahlen lassen zwar erkennen, dass es sich nach wie vor um eine Minderheit der Eltern handelt, die nicht verheiratet sind, doch der Trend zeigt, dass ihre Zahl steigt. So heißt es auch in der Publikation "Deutschland - Land und Leute 2009" des Statistischen Bundesamtes: "Die Deutschen leben sehr verschieden. Dennoch lassen sich Muster erkennen" und es folgt an erster Stelle: "Kinder werden immer häufiger unehelich geboren." Wie die Reform des Kindschaftsrechts 1998 so könnte auch eine durch das EU-Urteil nötige Anpassung des Sorgerechts dazu führen, dass noch mehr Frauen und Männer auf den Gang zum Standesamt verzichten, bevor sie eine Familie gründen. Ob das eine Auflösung traditioneller Werte unnötig fördert oder ob das Recht damit lediglich abbildet, was sich gesellschaftlich längst vollzogen hat, wird sicherlich Gegenstand der Diskussion sein.
Links:
vaeter-nrw.de: Sorgerecht: Europäischer Gerichtshof bemängelt Benachteiligung eines ledigen Vaters
vaeter-nrw.de: Interview: Thomas Maas zum Sorgerecht für Väter nicht ehelicher Kinder
"Mikrozensus 2008", zum Download oder zu bestellen auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes.
"Nicht eheliche Geburten im regionalen Vergleich", Veröffentlichung auf der Homepage des Regionalaltas Bundesrepublik Deutschland des Leibniz-Instituts für Länderkunde e.V., Leipzig
"Deutschland - Land und Leute 2009" zum Download auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes.
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