Die Evangelische Kirche in Westfalen in Kooperation mit dem Evangelischen Gemeindedienst in Bielefeld führte im Rahmen ihrer Männerarbeit ein ganz besonderes Pilotprojekt durch: ein Vater-Kind-Wochenende speziell für Väter im offenen Strafvollzug und ihre Kinder. Das Thema Vaterschaft gewinnt damit an Stellenwert in den Köpfen, Herzen und Haftanstalten. Das Projekt war so erfolgreich, dass alle Beteiligten es 2010 fortsetzen möchten. Dafür werden Sponsoren gesucht.
Jürgen Haas, von der Männerarbeit im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen mit dem Arbeitsschwerpunkt Vater-Kind-Arbeit ist einer der Initiatoren des Projekts. Er erklärt: "Wer sich im offenen Strafvollzug befindet, kann die Haftanstalt zwar verlassen, zumeist um einer Arbeit nachzugehen, ist dabei aber strengen Auflagen unterworfen. Für Väter bedeutet das, dass sie kaum Möglichkeiten haben, ihre Kinder zu sehen. Zeiten mit der Familie bleiben auf einzelne Wochenend-Urlaube beschränkt." Das Projekt sollte diesen Vätern und ihren Kindern Spielräume für gemeinsames Leben und Erleben eröffnen.
Sieben Väter und 14 Kinder nahmen am Pilotprojekt teil
"Wir sprachen drei Justizvollzugsanstalten mit unserer Idee an und stießen gleich auf Zustimmung und Unterstützung", berichtet Jürgen Haas. "Sieben Männer zwischen 25 und 42 Jahren mit ihren insgesamt 14 vier- bis 17jährigen Kindern nahmen schließlich an der Wochenendveranstaltung in einer Tagungsstätte teil." Sie hätten eine regelrechte Bewerbung einreichen, zum Bewerbungsgespräch anreisen und einen Fragebogen zu Formalien - zum Beispiel bezüglich des Sorgerechts - ausfüllen müssen. "Die Väter haben da sehr viel Zeit und Mühe hineingesteckt. Das zeigte uns, dass bei den Väter echtes Interesse da war, dabei zu sein," sagt der Fachmann für Männerarbeit. "In den Vorstellungsgesprächen drückten die Väter ihre Sehnsucht nach mehr Zeit mit den Kindern aus."
"Zeit mit dem Papa ist schön"
Bei den Kindern, die durch den Gefängnisaufenthalt des Vaters häufig mit Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten kämpfen, war die Sehnsucht nach Zeit mit dem Vater - wie sich herausstellte - mindestens ebenso groß: "Der 17jährigen war es so wichtig, Zeit mit ihrem Vater verbringen zu können, dass ihr die Tatsache, dass ansonsten hauptsächlich Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter dabei waren, überhaupt nichts ausmachte." Ein fünfjähriges Mädchen sagte: "Ich habe noch nie so viel Zeit mit meinem Papa verbracht. Das war echt schön." Anders als an Familienbesuchs-Wochenenden standen die Kinder hier einmal ganz im Vordergrund.
Gemeinsam spielen und basteln
Die gemeinschaftlichen Aktivitäten mit den Kindern hatten die Veranstalter so konzipiert, dass sie nach Möglichkeit für alle Altersgruppen interessante Aspekte enthielten. Gemeinsam bastelten Väter und Kinder aus einfachen Materialien wie Steinen und Muscheln kleine Spiele. Die Kinder durften sie in Säckchen mit nach Hause nehmen und können sie künftig dann hervorholen, wenn der Vater mal wieder da ist. Ein weiteres Spiel bestand aus einem Rohr und einem Tennisball. Ziel des Spiels war es, das Rohr so zu schwingen, dass der Ball einen Kreis beschreibt, dabei an der einen Seite das Rohr verlässt und auf der anderen Seite vom Spieler mit dem anderen Ende des Rohres wieder aufgefangen wird.
Väter unter sich
"In Vätergesprächsrunden war dann Raum, über das Vatersein unter den besonderen Bedingungen der Haft ins Gespräch zu kommen," berichtet Jürgen Haas. Die Männer tauschten sich über ihre Schwierigkeiten aus, Vaterschaft zu leben und suchten nach Möglichkeiten, um dafür Spielräume zu gewinnen. Im Alltag in der Justizvollzugsanstalt hätten Gespräche darüber keine Platz, erklärten die Männer. "Es gibt aber ein großes Bedürfnis, sich über diese Themen zu unterhalten", stellte Jürgen Haas fest.
Sponsoren gesucht!
Auch das Feedback aus den Haftanstalten sei durchweg positiv gewesen. Die Beteiligten würden das Projekt daher gerne im nächsten Jahr weiterführen. Jürgen Haas sowie Melanie Mohme vom evangelischen Gemeindedienst in Bielefeld suchen dafür noch Sponsoren.
Foto: Jürgen Haas
Kontakt:
Männerarbeit im Institut für Kirche und Gesellschaft, "Projekt Spielräume"
Jürgen Haas, Tel. 02304 - 755-375, E-Mail: j.haas@kirche-und-gesellschaft.de
Evangelischer Gemeindedienst im Evangelischen Johanneswerk in Bielefeld, "Projekt Spielräume"
Melanie Mohme, Tel. 0521-8012727, E-Mail: melanie.mohme@johanneswerk.de
Links:
Projekt-Reportage auf der Homepage der Männerarbeit in der Evangelischen Kirche von Westfalen.