In einer zusammenwachsenden Welt ist Migration für immer mehr Menschen Bestandteil ihrer Geschichte. Interkulturalität findet in jüngster Zeit daher zunehmend Beachtung und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte rücken in ihrer Vielfalt in den Blick. Michael Tunç, der an einer Doktorarbeit über "Vaterschaft und Vater-Kind-Verhältnis in türkischen Immigrantenfamilien" arbeitet, kritisiert jedoch, dass in gesellschaftlichen Gender-Debatten nach wie vor oft vorschnell ethnisch-kulturelle Aspekte diskutiert würden. So käme es laut Michael Tunç dazu, dass sich in vielen Köpfen statt der Vielfalt der Lebensweisen von Vätern mit Zuwanderungsgeschichte das Stereotyp des traditionellen Patriarchen als allgemeingültig festgesetzt hätte. Die vergleichende Untersuchung von Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen verschiedener sozialer Lagen und Bildungsniveaus mit sowie ohne Zuwanderungsgeschichte sei daher notwendig.
Folgen Väter, deren familiäre Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen, aus diesem Grund anderen Männer- und Väterleitbildern? Michael Tunç, Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und aktiv im Vorstand des Kölner Vereins Coach e.V., einer Initiative zur Bildung und Integration junger Migrantinnen und Migranten, forscht seit Jahren unter anderem zum Thema Väterleitbilder im Bereich der Männer-/Väter- und Migrationsforschung. "Viele Männer, deren Eltern bereits nach Deutschland einwanderten, die also in der zweiten Generation hier leben, sind jetzt in dem Alter, in dem sie eine Familie gründen oder bereits Kinder erziehen", beobachtet Michael Tunç. "Diese Männer aber auch viele neu Zugewanderte möchten ebenso wie ihre Geschlechtsgenossen mit deutschen Wurzeln vermehrt einen aktiven Part in der Familie übernehmen und versuchen teilweise, ihr Vatersein anders zu leben als noch die Generation der Eltern." Solche Tendenzen hin zu mehr Partnerschaftlichkeit in Beziehung und Familie schreibt Michael Tunç auch sich zunehmend emanzipierenden Ehefrauen zu, die Veränderungen von den Männern einfordern.
Väter sind in der Familie aktiv
Dass aktive Vaterschaft auch bei Vätern mit Zuwanderungsgeschichte "im Trend" liegt, belegt zum Beispiel die Evaluationsstudie zum Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz von 2009. In Familien mit Migrationshintergrund bezogen in elf Prozent der befragten Familien beide Partner Elterngeld. Bei der Gesamtheit der befragten Haushalte waren es 17 Prozent. "Vor dem Hintergrund einer öffentlichen Diskussion, die zugewanderten Männern und ihren Nachfahren stereotyp hierarchische Geschlechterleitbilder und traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit zuschreibt, erstaunt dieser Zuspruch zum Elterngeld sicherlich viele", sagt Michael Tunç.
Sinus-Studie zeigt Vielfalt der gesellschaftlichen Milieus
Sind es vielleicht andere Faktoren, die die Einstellung zu Väterlichkeit bei Männern viel stärker beeinflussen, als die ethnisch-kulturelle Herkunft? Die Sinus-Studie über Migrantenmilieus von 2007 legt das angesichts der Vielfalt der gesellschaftlichen Kreise, in denen sich Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bewegen, nahe. Die Studie machte acht unterschiedliche Milieus aus, auf die sich die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte relativ gleichmäßig verteilten. Gezeigt wurde unter anderem, dass auch die soziale Lage Einfluss auf Lebensstile und Alltagskultur der Migrantenmilieus hat: Bei den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte fand die Studie eine große Spannbreite von einem intellektuellen Milieu bis hin zum Arbeitermilieu. Und häufig ist es die soziale Lage, die Einstellungen stark bestimmt. Unabhängig von der ethnisch-kulturellen Herkunft stimmen zum Beispiel besser Gebildete dem Wert "Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern" eher zu als weniger Gebildete.
Zuwanderungsgeschichte prägt Vater-Sohn-Beziehung
Welche Haltungen erwachsene Männer bzw. Vätern mit Zuwanderungsgeschichte im einzelnen einnähmen und wie sie ihren Alltag gestalteten, sei bislang jedoch wenig erforscht, erklärt Michael Tunç. Arbeiten von Manuela Westphal (2000) und Margret Spohn (2002) deuteten darauf hin, dass sich sogar schon bei der ersten Generation speziell türkischer Männer und Väter Männlichkeits- und Väterlichkeitskonzepte verändert hätten. Eine interessante Untersuchung von Vera King beleuchtet das Verhältnis von erster und zweiter Migrantengeneration. Die Wissenschaftlerin macht ein Muster aus, dass viele Söhne aus Zuwandererfamilien eint. "Der migrationsbedingte soziale Abstieg des Vaters und dessen Erfahrung von Missachtung motivieren häufig den Sohn, den Vater zu retten und zu rehabilitieren. Der Vater wiederum delegiert seine nicht verwirklichten Bedürfnisse an den Sohn, von dem er einen Bildungsaufstieg erwartet", fasst Michael Tunç die Ergebnisse von Vera King zusammen. Dieses Grundmuster der Vater-Sohn-Beziehung bestimmt die Ablösung der jungen Männer von ihren Vätern, die zwischen vehementer Abgrenzung und starker Bezugnahme pendelt und immer auch eine Antwort auf eigene Erfahrungen mit gesellschaftlicher Diskriminierung oder Anerkennung ist.
Forschungsbedarf ist noch groß
Studien wie diese machen deutlich, dass es zwar sinnvoll sein kann, Menschen - insbesondere Männer bzw. Väter - mit Zuwanderungsgeschichte über alle ethnisch-kulturellen Unterschiede hinweg gemeinsam zu betrachten. Darüber hinaus ist es aber auch notwendig, Alltagswelten von Menschen unterschiedlicher sozialer Lagen bzw. Bildungsniveaus mit und ohne Migrationshintergrund kontrastiv zu vergleichen. "Sonst ist die Gefahr groß, dass - wie es oft passiert - ethnisch-kulturelle Erklärungsmuster vorschnell herangezogen werden, auch wenn sie weniger oder gar nicht ausschlaggebend sind", sagt Michael Tunç.
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Foto: KölnKitas