Studie: "Warum lesen Väter nicht vor?"

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Studie: "Warum lesen Väter nicht vor?"

vorlesender_Vater_Stiftung_Lesen_Christoph_Kreher_100In einer Studienreihe befragte die Stiftung Lesen zunächst Eltern, dann Kinder und jetzt speziell Väter zu den Vorlesegewohnheiten in der Familie. Viele Väter gaben an, dass ihnen Vorlesen keinen Spaß macht. Vorlese-Experte Christian Meyn-Schwarze gibt Tipps, wie Väter am Vorlesen Gefallen finden können.

"Vorleseväter sind genauso wichtig wie Vorlesemütter", heißt es in der neuen im November 2009 erschienen  Studie "Warum lesen Väter nicht vor?" der Stiftung Lesen. "Vielen Vätern ist nicht bekannt, dass sie als Vorleser für ihre Kinder gefragt sind", erklärt Timo Reuter, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Lesen in Mainz. "In vorangegangen Untersuchungen konnten wir zeigen, dass Lesekompetenz den Schulerfolg von Kindern maßgeblich beeinflusst. Um aber Freude am Lesen zu entwickeln, brauchen Kinder das elterliche Vorbild. Jungen benötigen dabei besonders männliche Leser und Vorleser in ihrem Umfeld." Immer mehr Eltern hätten das erkannt und eröffneten ihren Kindern durch eigenes Lesen und regelmäßiges Vorlesen den Zugang zu Büchern. Zumeist jedoch sei Vorlesen Sache von Frauen. Die zweite Vorlese-Studie der Stiftung Lesen von 2008 ergab, dass in 64 Prozent der Familien meistens die Mutter vorliest.

Keine Lust zum Vorlesen?

Für die neue Untersuchung befragten die Autoren Väter, die ihren Kindern selten oder nie vorlesen, nach den Gründen für ihre Vorleseabstinenz. "Dafür ist meine Frau zuständig", lautete eine der Begründungen, die viele Väter nannten. Außerdem gaben sie an, nicht gerne vorzulesen, mit den Kindern lieber aktiv zu spielen, zu toben und draußen zu sein oder für das Vorlesen keine Zeit zu haben.

Väter lesen anders vor als Mütter

Christian Meyn-Schwarze, Hausmann, Väterbildner und Autor einer Lese- und Vorleseliste speziell für Männer, die eine Vaterrolle einnehmen (zum Download auf vaeter-nrw.de) sagt: "Väter sind sich ihrer ganz besonderen und für die Kinder sehr wichtigen Vorlese-Kompetenz oft gar nicht bewusst. Sie lesen anders vor als Mütter, die sich in der Regel exakt an den Text halten. Väter lesen häufig 'mit action' und verwandeln die Geschichten im Buch in ein gemeinsames Spiel. Wenn ich zum Beispiel das bekannte Kinderbuch 'Pippi Langstrumpf' von Astrid Lindgren vorlese, kann es durchaus vorkommen, dass ich zwischendurch mit den Kindern die 'Hoppetosse', das Schiff von Pippis Vater, baue und wir damit in See stechen."

Passende Lektüre finden

Vorleseverweigerung von Vätern könne auch mit den Inhalten von Kinderbüchern zu tun haben, meint Christian Meyn-Schwarze. "Ich habe mich geärgert, als es immer nur um Enten-, Bären- oder Hundemütter ging, die mit ihrem Nachwuchs die Welt entdecken. Ich hatte keine Lust, Bücher vorzulesen, in denen ich gar nicht vorkomme. Das war der Anstoß für die Papa-Lese-Liste, die inzwischen auf über 300 Titel angewachsen ist," erklärt der Vater zweier jugendlicher Töchter. Hier wird deutlich, dass es sinnvoll ist, dass Väter die Bücher, die sie vorlesen auch selber aussuchen. Außerdem meint der Fachmann, dass Väter ihre Kinder ruhig an den Themen teilhaben lassen könnten, die sie selbst interessierten: "Söhne und Töchter finden es toll, wenn sie mit Papa auch mal das Fußball-Magazin oder die Angler-Zeitung betrachten dürfen."

Vorlesepate im Kindergarten

Heinz-Jürgen Bauer, Mitarbeiter im Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, der seit etwa fünf Jahren wöchentlich als Vorlesepate einen Kindergarten besucht, macht sich darüber weniger Gedanken. Er liest, was er für die entsprechende Altersgruppe finden kann. "Ich lese Kindern einfach gerne vor. Sie sind wunderbar spontane und ehrliche Zuhörer", sagt er. "Es ist toll, wenn sie mit großen Augen und ganz Ohr um mich herum sitzen und den Geschichten lauschen, die ich für sie ausgesucht habe."

Gemeinsam Geschichten erfinden

Vätern, die ihre Vorleselust noch nicht entdeckt haben, rät Christian Meyn-Schwarze: "Greifen Sie doch zu einem sogenannten Wimmelbilderbuch. Diese Bücher besitzen statt eines Textes großformatige Bilder, auf denen ganz viele Dinge passieren. Sie können die vielen oft witzigen Vorfälle gemeinsam mit ihren Kindern aufspüren und dazu Geschichten erzählen." Wichtig findet Christian Meyn-Schwarze, dass Bücher für Kinder zugänglich sind: "Sie gehören in Griffweite und nicht ins oberste Bücherregal."

Auf Erzähltraditionen besinnen

Timo Reuter von der Stiftung Lesen verweist in diesem Zusammenhang auch auf mündliche Erzähltraditionen, die in vielen Ländern noch stärker gepflegt würden, als in Deutschland. "Es ist schön, wenn Väter das an ihre Kinder weitergeben können. Die Geschichten fördern nicht nur das Erlernen von Sprache und regen die Fantasie der Kinder an, sie verbinden sie auch mit ihrer kulturellen Herkunft."

Foto: Stiftung Lesen / Christoph Kreher

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