Praxis: Interkulturelle Arbeit für Väter

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Praxis: Interkulturelle Arbeit für Väter

Diaz_C__ceoglu3_mod_100Antonio Diaz ist geschäftsführender Vorstand der Academia Española de Formación - Spanische Weiterbildungsakademie e.V. (AEF) in Bonn und Mitglied im Leitungsgremium des Elternnetzwerks NRW Integration miteinander. Ute Cüceoglu ist Dozentin an der AEF. Vaeter.nrw.de sprach mit ihnen über ihre interkulturelle Arbeit für Väter.

vaeter.nrw.de: Wo finden sich interkulturelle Angebote für Väter?

Antonio Diaz: In NRW gibt es mehr als 1.000 Vereine und Organisationen von Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer. So schlossen sich in den letzten Jahrzehnten viele Eltern in Elternvereinen mit dem Ziel zusammen, sich gemeinsam für eine gute Bildung und Interkulturalität vor allem für ihre Kinder einzusetzen. Daraus entstand zum Beispiel vor nunmehr 25 Jahren die Spanische Weiterbildungsakademie (AEF) in Bonn. Hier gelingt es mit der professionellen Struktur einer Bildungsinstitution, Orte einer bedarfsgerechten Bildung für Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer und Religionszugehörigkeiten zu schaffen.

Ute Cüceoglu: Wir bieten an über 20 Lernorten in NRW verschiedene Maßnahmen mit vielfältigen interkulturellen Themenschwerpunkten sowie Deutschkurse an.

vaeter.nrw.de: Sie haben aktuell das Thema "Väter mit Zuwanderungsgeschichte" in den Fokus genommen. Warum?

Antonio Diaz: Wir haben in den Vorständen der Elternvereine immer mehr vor allem junge Väter, die sich wünschen, dass wir väterspezifische Angebote machen. Wie überall in der Gesellschaft ist auch in den einzelnen interkulturellen Netzwerken, den sogenannten Communities, ein sich veränderndes Rollenbild der Väter zu erkennen. Und die jungen Männer, die sich von den tradierten Verhaltensmustern emanzipieren, brauchen Unterstützung.

Ute Cüceoglu: Das merken wir Dozentinnen und Dozenten auch ganz deutlich in den Kursen für Frauen. Sie haben hier themenbezogen Raum für Austausch und selbstgewählte Bildungsangebote. Und ganz schnell kommen wir in den Gesprächsrunden über Erziehung und gesunde Ernährung für Kinder auch auf die Rolle der Väter zu sprechen. Gerade in den muslimischen Familien haben die älteren Familienmitglieder in Fragen der Erziehung ein gewichtiges Wort mitzusprechen, denn meist leben die jungen Familien sehr eng mit ihren eigenen Eltern oder Schwiegereltern zusammen – oft sogar unter einem Dach. Und hier geraten die jungen Väter in einen Rollenkonflikt.

vaeter.nrw.de: Wie sieht dieser Rollenkonflikt aus?

Antonio Diaz: Die Veränderung des Rollenbildes bei Vätern ist derzeit auf unterschiedlichen Ebenen in der Gesellschaft ein Thema. Das geht an den jungen Männern nicht vorüber. Gleichzeitig stehen in ihren Familien häufig traditionelle Rollenmuster im Vordergrund. In vielen Herkunftsländern werden die Jungen in eine ganz bestimmte Rolle hineinerzogen und ihnen nach der Hochzeit sofort die Versorgerrolle auferlegt.

Ute Cüceoglu: Zudem wird dann von den männlichen Zuwanderern erwartet, dass sie gleich zwei Familien mitversorgen: die eigenen Verwandten und die Familie der Ehefrau. Die jungen Väter merken natürlich, dass das in der Form gar nicht zu leisten ist, können sich aber dem starken Erwartungsdruck gar nicht entziehen. Dazu sind sie zu sehr in der Familie eingebunden.

vaeter.nrw.de: Wie können Sie die jungen Väter unterstützen?

Antonio Diaz: Im Grunde haben wir gleich drei Zielgruppen: die jungen Väter, aber auch die jugendlichen und die älteren Männer. Alle brauchen zunächst einmal einen geschützten Raum, in dem sie überhaupt über sich und ihre Erlebnisse mit den Familien sprechen können. Dazu müssen wir die Männer dort abholen, wo sie sind. Ich sage immer: Wer die Communities erreichen möchte, braucht ein gutes Paar Schuhe. Wir sprechen mit den Männern vor Ort, besuchen sie in ihren Vereinen, fragen nach, welche Angebote in der Akademie für sie spannend sein könnten. Und da entstehen eben nicht die klassischen Kursangebote. In Spanien gelten Männer als gute Köche. Also bieten wir Kochclubs an. Und in der privaten Atmosphäre kommen wir dann zu Themen ins Gespräch, die die Väter bewegen. Ein anderes Angebot ist die Schreibwerkstatt. Viele Zuwanderer erleben sich als die "vergessene Generation": Das Herkunftsland verlassen und sich auf neue Verhältnisse einlassen. In der Schreibwerkstatt lernen sie, ihre Geschichten zu erzählen. Oder wir bieten eine Vater-Kind-Erlebniswoche in den Ferien, an dem es den Kindern möglich ist, den Vater im Beruf kennen zu lernen und am Arbeitsplatz zu besuchen.

Ute Cüceoglu: Und das Spannende ist: Über die Kulturen hinweg erleben wir, dass die Themen der Väter sehr ähnlich sind. Weder ein muslimischer Vater noch ein christlicher Vater erlaubt seiner 12jährigen Tochter eine Geburtstagsparty mit Alkohol. In den Gesprächen entdecken die Väter oft nebenbei eine Menge Gemeinsamkeiten.

Antonio Diaz: Oder sie sprechen Unterschiede offen an. In einem moderierten, geschützten Raum können sich die Männer einfach in ihrer Vielfalt begegnen und Dinge klären.

vaeter.nrw.de: Sie arbeiten vor Ort mit den Vätern und sind überdies aktiv im Elternnetzwerk NRW Integration miteinander. Was passiert hier?

Antonio Diaz: Im März 2006 haben die Akteure dieses Netzwerks zum ersten Mal getagt und mit dem Austausch von Erfahrungen und Informationen begonnen. An diesem Treffen beteiligten sich zum Beispiel die Föderation Türkischer Elternvereine, der Bund spanischer Eltern in der Bundesrepublik, die Fachberatung MigrantInnen Selbsthilfe, die Landesstelle Unna-Massen, kommunale Migrantenorganisationen sowie das Landesinstitut für Schule, die Fachhochschule Düsseldorf und Vertreter der Landesregierung. Mittlerweile engagieren sich fast 50 Vereine und Institutionen in diesem Elternnetzwerk. Ziel ist es, die Bildungschancen von Kindern zu verbessern und in diesem Feld zu kooperieren. So wird es im Februar 2010 einen interkulturellen Elternkongress geben. Und da spielen die Väter natürlich auch eine wichtige Rolle.

vaeter.nrw.de: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

Links:

www.aef.altanto.de

www.elternnetzwerk.nrw.de

www.integration.nrw.de

www.integrationsbeauftragter.nrw.de

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